29.12.2011 - Mobiler Hochwasserschutz besteht den Praxistest

Feuerwehr und THW üben den Umgang mit Dammwänden und dem Schlauchsystem
Einer schmiert die Führungsschiene mit Silikon-Schutzspray, zwei Mann heben lange Aluminiumbalken in die Furche. Mehrere solcher Dammbalken übereinander und fertig ist die Schutzwand, die auf den ersten Blick einfacher und schneller aufzubauen scheint als ein Ikea-Möbelstück. Das Land ist mit seinen Hochwasserschutzbauten in der Kernstadt Riedlingen praktisch fertig. Aber die Deiche und Schutzmauern machen Feuerwehren und Technisches Hilfswerk (THW) künftig keineswegs entbehrlich. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die im Schutzkonzept ergänzend vorgesehenen mobilen Elemente anzubringen.
Jedes von 400 Einzelteilen muss an seinen richtigen Platz Das haben sie gestern testweise gemacht. 39 Mauerdurchgänge bleiben im Alltag für Fußgänger und Autofahrer offen und müssen im Ernstfall mit Wänden geschlossen werden.
Dafür müssen fast 400 Einzelsegmente „an genau die richtige Stelle“, wie der Leiter des städtischen Tiefbauamts, Peter Dorn, sagte. Daher haben die Verantwortlichen viel Gehirnschmalz darauf verwendet, ein sauberes Nummerierungssystem zu erarbeiten – bei genauerem Hinsehen steckt eben doch mehr dahinter und detaillierte Ablauf-und Einsatzpläne sind so nötig wie eine gute Bedienungsanleitung für Möbelstücke. Planer, Bauleiter und Vertreter der Lieferfirmen wiesen die Einsatzkräfte gestern in die korrekte Handhabung ein. Wie sind die Zwischenstützen für die breiteren Mauerdurchlässe zu verschrauben, wie die Einzelteile zu lagern oder wie die Schrauben gängig zu halten? Ein Tipp lautete: „Lieber etwas langsamer, aber dafür richtig.“ Denn fällt ein Alubalken hinunter, kann er sich verziehen und ist dann nicht mehr zu gebrauchen: Krumm oder nur einen Zentimeter zu lang, und er wird nie und nimmer in die Führungsschienen passen.
So diente der Testlauf gestern nicht nur dazu, dass die Feuerwehrleute den Aufbau einüben. Zugleich war es die technische Abnahme: Da alles passte, gingen die Dammbalken gestern offiziell in den Besitz der Stadt über. Wie bei dieser Übung wird auch im Ernstfall der Bauhof die einzelnen Paletten zur den 39 Öffnungen fahren, den Einbau übernehmen dann die Feuerwehren Pflummern und Grüningen. In diesen beiden Teilorten ist aufgrund ihrer Lage die Wahrscheinlichkeit von Hochwässern geringer „und sie haben sich deshalb freiwillig bereiterklärt, die Feuerwehr Riedlingen zu entlasten“, sagte Bürgermeister Hans Petermann anerkennend.
Mit Wasser gefüllte Schläuche wirken wie mobile Deiche Denn die Kernstadt-Wehr ist im Hochwasserfall ohnehin stark gefordert. Eine ihrer Aufgaben ist es, mit dem THW in der Weilervorstadt und der Mühlvorstadt das mobile Schlauchsystem zu bedienen. Mit Wasser gefüllt, wirken die orangefarbenen Riesenschläuche wie Dämme an den Stellen, wo die Anwohner keine Mauern akzeptieren wollten. Zu Jahresbeginn hatte die Feuerwehr es in kleinem Stil probiert, gestern testeten Wehr und THW das komplette System an Ort und Stelle. Zu Übungszwecken mit Luft gefüllt, waren die Schläuche in dreieinhalb Stunden aufgebaut.
m Ernstfall und mit Wasserfüllung „sind sechs bis sieben Stunden realistisch“, sagte der Riedlinger Feuerwehrkommandant Stefan Kuc bei der Manöverkritik. Diese und weitere wichtige Erkenntnisse werden aufgearbeitet, um den Einsatzplänen den Feinschliff zu verpassen. Peter Faigle vom Landesbetrieb Gewässer, der als Projektleiter die Hochwasserschutzmaßnahmen des Landes federführend konzipiert hat, empfahl, die Übung mindestens einmal jährlich zu wiederholen. Außer Wänden und Schlauchsystem „werden Sandsäcke ein drittes mobiles Element bleiben“, sagte er. Auch das wird noch geübt. Damit scheint die Kernstadt gut gerüstet für den Fall, dessen Eintreten sich niemand wünscht. Fehlen nur noch die städtischen Hochwasserschutzmaßnahmen fürs Ober und Unterried. „Dafür fehlt nach wie vor eine geeignete rechtliche Grundlage für den Vorteilausgleich der Anwohner“, sagt Petermann. „Die hatte schon die alte Landesregierung versprochen. Mal sehen, ob die neue es hinbringt. Aber die jetzigen Landesmaßnahmen bringen schon allein eine wesentliche Verbesserung.“

Kreisbrandmeister Florian Peters (1. von links) besucht erstmals Riedlingen
 
 
 
 
Bericht: Schwäbische Zeitung / Fotos: Thomas Warnack
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